Mademoiselle Lenormand

Noch ehe Frau K. auch nur ahnen konnte, dass sie 20 Jahre ihres Lebens in Paris verbringen würde, erstand sie als Besucherin des berühmten Flohmarkts von Clignancourt ein halb zerfleddertes Büchlein, das von den Praktiken des Kartenlegens à la Mademoiselle Lenormand handelte. Später entdeckte sie bei ihren regelmäßigen Streifzügen auf dem Friedhof Père Lachaise das Grab der Autorin und erfuhr, dass Marie-Anne Adélaïde Lenormand eine berühmt-berüchtigte Kartenlegerin während der Französischen Revolution und des Napoleonischen Kaiserreiches gewesen war. Ihre Vorhersagen vom Aufstieg und Fall so mancher berühmter Persönlichkeiten sollen außerordentlich gefürchtet worden sein.
Die meisten der empfohlenen Methoden des Kartenlegens waren Frau K. zu zeitaufwendig; sie übte sich lieber in jener, die klare Antworten auf klare Fragen versprach. Was sie dann nur sporadisch und mehr zum Spaß betrieb, wurde ihre letzte Hoffnung, als ihr der Hauptdarsteller kurz vor dem Drehbeginn eines Dokumentarfilms abhandengekommen war.
Sie lebte damals bereits seit langem in Paris und hatte den obdachlosen Fred Anderson an der Mosel kennen gelernt, wo sie regelmäßig ihren Liebhaber im Dorf ihrer frühen Kindheit besuchte. Jedermann kannte Fred, da er seit 30 Jahren in gleichbleibenden Abständen von Cochem bis Koblenz durch alle Ortschaften zog und selbstgemalte Karten zu verkaufen suchte. Frau K. begleitete ihn oftmals auf diesen Touren und nach anderthalb Jahren war es beschlossene Sache, mit ihm einen Film für das Fernsehen zu drehen. Ein Pariser Filmteam war fest engagiert, und die erste Rate des Filmbudgets war bereits für 16mm Filmrollen und den Leih von technischer Ausrüstung ausgegeben. Drei Wochen vor Drehbeginn fuhr Frau K. an die Mosel, um die letzten Vorbereitungen für die Filmarbeiten zu treffen. Keine Spur von Fred Anderson. Vielleicht war er sich eines Tages ganz spinnert vorgekommen bei dem Gedanken, dass ausgerechnet er in einem Film auftreten sollte.
Er sei in Richtung Hunsrück gezogen, hieß es. Frau K. kannte seine Route, fuhr von einem Dorf zum anderen und fragte in allen Drogerien, Fleischereien und sonstigen Geschäften nach, von denen sie wusste, dass sie zu seiner Stammkundschaft gehörten. Alle hatten ihn noch kürzlich gesehen, doch Fred schien immer einen Vorsprung von mehreren Tagen zu haben. Nach 2.000 km Autofahrt in alle Richtungen gab Frau K. auf. Dann fielen ihr die Karten der Mademoiselle Lenormand ein. Warum sie das Kartenspiel bei sich hatte, kann sie sich heute nicht erklären.
Frau K. konzentrierte sich auf die Frage: „Wo hält Fred sich auf?“ und zog nach einem vorgegebenen Verfahren 28 Karten aus dem Spiel. Neben mythologischen und floralen Motiven befindet sich am oberen Rand jeder Karte ein Buchstabe. Aus den 28 Buchstaben der gezogenen Karten gilt es dann, ein sinnvolles Wort zu bilden. Bei Frau K.‘s Versuch ließ sich bis auf eine Leerstelle das Wort „Kreuznach“ zusammenfügen. Nach den Spielregeln der Mademoiselle Lenormand ließ sich dies so deuten, dass sich Fred zwar in der Nähe, nicht aber direkt in diesem Städtchen aufhalten mochte und dass die Suche nicht einfach sein würde. Frau K. besorgte sich die Telefonbücher zu allen umliegenden Dörfern und rief 35 einschlägige Geschäfte an. Niemand hatte Fred gesehen. Panik kam auf, denn ohne ein Zustandekommen des Films müsste sie eine fünfstellige Summe an das Fernsehen zurückzahlen und die Verträge mit dem Filmteam rückgängig machen. Eine der ersten Telefonnummern war besetzt gewesen. Diese wählte sie erneut, um nichts unversucht gelassen zu haben. Ja, sagte der Mann am anderen Ende der Leitung, er wisse, wo Fred sei. Seit einer Woche hause er in einem abseits gelegenen Waldstück in einem verlassenen Stall. Dort fand ihn Frau K. noch am gleichen Tag. Nach den Dreharbeiten brachte sie Blumen auf das Grab von Marie-Anne Adélaïde Lenormand.
Frau K.