Der Stein der Liebe

Hallo, ich bin Susi.
Ich bin jetzt schon 10 Jahre alt und ich habe es bis jetzt noch nicht bereut. Ich habe eine Freundin, sie heißt Melinda und wir kennen uns schon eine Ewigkeit. Das Komische daran ist, sie ist genau das Gegenteil von mir. Sie ist meistens zickig und manchmal besteht sie auch einfach nur aus Hass und Zorn. Mir macht das überhaupt nichts aus, denn ich bin ja dafür da, dass sie nicht überreagiert. Ich denke, sie kann mich auch leiden, denn welche freie Minute verbringen wir nicht zusammen? Keine einzige! Es ist toll eine Freundin wie sie zu haben! Aber nun, da ihr schon meine Freundin kennt, möchte ich euch mein Leben erzählen…
Alles begann, als ich angefertigt wurde. Ich wurde ausschließlich aus Ton angefertigt. Mein Papi sozusagen, also der, der mich geformt hat, heißt Siegfried. Er ist 82 Jahre alt und wohnt mit seiner Frau in einem kleinen Dorf. Er besitzt eine Töpferei und führt die jetzt schon seit 32 Jahren. Leider wollte mein Dad mich nicht und hat mich verkauft. Das Einzige, was er hinterlassen hat, ist eine Gravur hinten auf meinem Rücken, eine Erinnerung an ihn. Allerdings möchte ich kein Mitleid deshalb haben, denn wenn mein Papi mich nicht verkauft hätte, wäre ich niemals Melinda begegnet.
Mein ganzes Leben lang wurde ich verschenkt. Das hat seine Vorteile, aber auch Nachteile. Ein Vorteil ist, dass man neue Leute kennen lernt. Ein Nachteil ist jedoch, niemand spricht mit mir! Das ist wirklich deprimieren.
Das Allerschönste auf der Welt ist es doch aber, die Liebe von Menschen zu sehen. Heimlich nenne ich mich auch „Amor“, aber außer mir weiß das niemand und das soll auch so bleiben. Die meisten Menschen nennen mich „Handschmeichler“. Da verstehe mal einer die Menschen!
Also, mein Hobby ist es, in verschiedenen Wohnungen zu liegen und zu schlafen. Mein allergrößtes Geheimnis ist: Ich besitze eine Zauberkraft!
Menschen haben immer Wünsche und Träume und ich darf die meisten davon erfüllen. Einmal hat sich ein jüngerer Mann gewünscht, dass ein Paar auseinander gehen soll. Ich war schockiert, dass ein Mensch sich so etwas wünschen kann! Aber, es gibt auch Menschen die sich sehr mögen und ich bin dafür zuständig, dass sie zueinander finden. Dieses mache ich jetzt schon 5 Jahre lang und ich muss sagen, ich bin richtig gut darin!
Eines Tages wachte ich auf und sah Melinda wieder. Ich freute mich so sehr ein Gesicht zu sehen, das mich kennt, versteht und mit mir spricht. Leider sah sie nicht so glücklich aus, daher fragte ich sie, was los sei. Eigentlich wusste ich ja, was mit ihr los war, aber ich wollte es von ihr hören. Sie sagte, sie habe Liebeskummer. Ich quetschte sie aus, wer es sei und wie es dazu kam, aber was sie mir dann erzählte, schockierte mich. Es war genau die gleiche Situation, wie bei dem jüngeren Mann. Sie hatte sich verliebt, aber diese Person war schon vergeben. Ich überlegte, was ich dem jüngeren Mann vorher gesagt hatte. Für mich war das eine ganz doofe Situation, denn meine allerbeste Freundin war verliebt, aber in eine Person, die schon vergeben war. Als allererstes sagte ich meiner Freundin, dass das ja nicht so schön sei, obwohl ich die ganze Zeit überlegte, was ich nun tun könnte. Entweder, ich breche eine Regel oder ich sehe meine Freundin deprimiert und total unglücklich. Das Schicksal kann manchmal so ungerecht sein… Am Abend zerbrach ich mir immer noch den Kopf, was ich nun tun könnte. Es wurde immer später und ich schlief plötzlich ein. Am nächsten Morgen hatte ich mich entschieden und nun war es mir klar. Ich musste meiner Freundin helfen!
Ich schloss meine Augen und flüsterte einen Spruch. Ich wusste, wenn ich das tue, dann brauche ich nur auf meine Strafe warten, aber nun war es zu spät und ich musste nur noch warten und warten…
Am Nachmittag sah ich meine Freundin mit einem breiten Grinsen: Es war klar, dass es passiert war. Aus Höflichkeit fragte ich, was ihr breites Grinsen zu bedeuten hatte. Eigentlich kann man sagen, dass das Grinsen schon aus 12 m- Entfernung zu erkennen war! Sie erzählte mir freudig wie noch nie, dass ihr Schwarm jetzt Single war und er sie zu einem Kaffee eingeladen hatte. Mich freute das zu hören, obwohl ich immer noch auf meine Strafe wartete.
Langsam aber sicher bemerkte meine Freundin, dass mit mir irgendetwas nicht stimmte. Also fragte sie mich, was mit mir los sei. Ich versuchte zu grinsen, aber es klappte nicht Trotzdem antwortete ich, dass es mir gut geht und dass ich mich für sie freue. Sie meinte, dass sie sich noch hübsch machen müsste und verließ mich schon wieder nach wenigen Minuten.
Ich war schon wieder allein. Auf einmal spürte ich, wie mein Herz sich verkrampfte, ich bekam Panik und schrie um Hilfe, aber wer hätte mich denn hören können? NIEMAND! Ich war ganz alleine und niemand konnte mir helfen. Meine Hand fing auch an, sich zu verkrampfen und etwas später hatte ich kein einziges Gefühl mehr in meiner Hand. Nach einer Weile fiel mir wieder ein, dass ich ja die ganze Zeit noch auf meine Strafe wartete. Das war sie wohl, aber ich sollte mich nicht zu früh freuen, denn das sollte nur der Anfang sein.
Am nächsten Tag spürte ich, wie schlecht es mir wirklich ging. Meine Freundin hatte sich auch nicht mehr gemeldet und verschenkt wurde ich auch nicht mehr. Anscheinend brauchte mich niemand mehr und alle kamen ganz alleine klar. Eigentlich war ich doch für die Welt nur noch sinnlos! Plötzlich war der Krampf wieder da und ich fing an zu schreien vor Schmerz! Etwas später habe ich meinen ganzen Körper nicht mehr gespürt. Ich dachte, es geht, was er hier machte. Man sah in seinen Augen, dass er verzweifelt etwas suchte. Auf einmal bemerkte ich, dass mit ihm irgendwas nicht stimmte, aber dann fiel mir auf, dass in seinem Herzen etwas fehlte und zwar die Liebe, die Liebe seiner Frau. Ich wusste genau, dass es zu spät war. Er war nicht mehr mit seiner Frau zusammen und ich sah auch keinen Ehering mehr an seiner Hand. Endlich hatte er mich entdeckt und er rannte zu der Kommode, auf der ich lag und nahm mich in die Hand. Er flüsterte vor sich hin: „Das ist der wichtigste Gegenstand in meinem Leben und er ist unverkäuflich!“ Er strich mit seinem Finger über die Gravur und lächelte. Die Innenschrift, also meine Gravur, ist das, was jeder braucht, und zwar Liebe! In diesem Moment wünschte ich mir, dass alles wie früher war.
So geschah es auch. Das war meine letzte Kraft, denn ich hatte etwas getan, was ich nicht hätte tun sollen. Es war der Fehler meines Lebens und ich schlief für immer in den Händen von meinem Papi ein.
Celine Schiffner