Der kleine Goliath

Er ist nicht größer als ein Tennisball und ist doch Goliath. Ich mag ihn.

Ein Geschenk meiner Freundin Gisela aus Leipzig. Kein Messeschlager, aber Vertrauen erweckend . Weil ich ihr erzählt hatte, dass ich oft kalte Füße und kalte Hände habe, schickte sie ihn auf die Reise. Ich packte das Päckchen aus und nahm ihn in die Hand,. Er passte genau in meine Handfläche zwischen den Daumen und die anderen breit gespreizten Finger und fühlte sich gut an.

Vor allem zeigte er sich sehr beweglich. Ich drückte ihn, er gab nach, zeigte eine Delle und ließ sie sobald ich mit dem Druck nachließ sofort wieder verschwinden . Er war sozusagen elastisch wie ein Gummiball. Ein schöner Gummiball, leuchtend gelb wie die Sonne persönlich. Das scheint übertrieben, aber es standen tatsächlich rings um seinen Körper kleine goldgelbe Noppen -Wie Sonnenstrahlen. Vielleicht sind das Ansätze, aus denen heilende Strahlen hervorbrechen könnten, ich weiß es nicht. Jedenfalls scheint eine geheimnisvolle Kraft im Inneren des kleinen Goliath zu wohnen.

Aber ehe ich sage, wieso ich das denke, will ich ein paar Worte über unsere Freundschaft verlieren. Ja, wir haben uns angefreundet. Das war gar nicht so einfach, denn er ist jung und dynamisch und ich – man kann es sich denken, wenn ich von kalten Händen und Füßen rede, - bin nicht mehr neu, um es ehrlich zu sagen : ein altes Semester. Das klingt nicht ganz so hart wie a l t und lässt die Vermutung zu, dass man dennoch lernfähig ist, also gern etwas Neues ausprobiert.

Zuerst musste ich mir überlegen, wo bekommt er zwischen Laptop und all den dazu gehörigen Schnuren und Kabeln seinen Stammplatz. Soll er ihn überhaupt auf dem Schreibtisch haben? Meine Freundin Gisela hatte gesagt, er sei Tag und Nacht bereit, mir zu helfen um Hände und Füße beweglich zu halten. Also brauchte er zwei Arbeitsplätze.

Der Platz für den Tagesdienst war schnell gefunden: Rechts neben der Ablage für die Brillen – die man ständig wechselt - mal Computerbrille, mal die Lesebrille für das ausgedruckte Manuskript. Ja . gleich neben den Brillen, das war eine gute Möglichkeit, sozusagen ein Schonplatz , denn Brillen bilden eine Kaste für sich. Sie wissen um ihre Bedeutung für unsere lieben Fensterlein zur Welt und wir behandeln sie achtsam. Damit sie nicht runterfallen, hatte ich ein Körbchen am Schreibtischrand installiert und der kleine Goliath könnte ihnen Gesellschaft leisten, ohne davon zu rollen, denn ich ahnte, dass er elastisch wie er ist, auf die Erde hüpfend schnell in die äußerste Ecke springen würde, um alles zu erkunden. Das wollte ich vermeiden, denn knieend und tief gebückt in die äußersten Ecken kriechen gehört eben nicht mehr zu meinen sportlichen Übungen. Jedenfalls konnte ich solchen Experimenten durch den erhöhten Schreibtischrand vorbeugen, So nahm ich ihn tagsüber abwechselnd mal in meine rechte, mal in die linke Hand, entspannte mich, drehte und drückte ihn in meiner Hand. Wir gingen fast spielerisch miteinander um und waren beide glücklich über den gefundenen Standort.

Aber nachts, wo die kalten Füße und neuerdings – einmal muss ich es ja offenbaren die Durchblutungsstörungen in den Händen zeitweise schmerzhaft auftraten. , wollte und musste ich ihn ganz in meiner Nähe haben. Aber wie und wo? Neben dem Kopfkissen? Links oder rechts? Ich entschied mich für links, denn da war eine Wand, die ihn hinderte Seitensprünge zu machen. Also bekam er seinen Platz links zwischen Kopfkissen und Wand. Stillschweigende Vereinbarung . Ja, wenn ich mich daran gehalten hätte. Leider vergaß ich manchmal, ihn immer wieder an Ort und Stelle zu tun, wie es meine Großmutter stets gesagt hatte: , weil man seine Sachen nur wieder findet, wenn man Ordnung hält. So kam es gelegentlich zu verhängnisvollen Situationen.

Plötzlich mitten in der Nacht wurde ich munter und merkte, dass meine linke Hand taub war und auch schmerzte. Im Halbschlaf tastete ich dann hinter mein Kopfkissen in Richtung Wand und hatte ihn im Dunkeln alsbald gefasst, drückte und drehte ihn mindestens 2o mal um sich selbst und alles war gut.. Aber wenn ich ihn statt links neben dem rechten Kopfkissen deponiert hatte, es nachts nicht mehr wusste, begann die Suchaktion. Goliath wo bist Du? Ich tastete und tastete, und tastete und fand ihn nicht , wollte kein Licht machen, um nicht hellwach zu werden und nicht wieder einschlafen zu können . Weil sich aber durch mein Tasten und Bewegen die Bettdecke wie beim kleinen Häwelmann ein wenig blähte . kriegte der kleine Goliath frischen Wind und sprang wie einst Möllemann mit Fallschirm aus der Höhe in die niederen Gefilde. Vielleicht wollte Goliath sich ausprobieren, vielleicht nur zum Scherz verstecken spielen, nicht ahnend was er mir damit zumutet. Er sprang vom Bett zur Erde, suchte sich das für mich unzugänglichste Versteck unter dem Schrank. Unmöglich ihn zu erreichen. Es blieb mir nichts anderes übrig: ich holte meinen Krückstock, drehte ihn um und versuchte meinen lieben Goliath mit der Krücke zu fassen. Das fand er gewiss lustig und gerade, wenn ich ihn hervorziehen wollte , rollte er davon, stieß irgendwo ans Schrankbein , sprang zurück in eine andere Richtung . Vielleicht hatten seine Vorfahren einst auf dem Golfplatz hospitiert und er hielt meinen sportlichen Einsatz und seine Beweglichkeit für ein nächtliches Manöver, fehlte nur die Musik

Er meinte es gewiss nicht böse und es passierte bisher auch nur zwei, höchstens dreimal –und wenn gerecht bin: Ich hatte ja selber Schuld . Aber wie gerecht ist man in einer verqueren Situation. Als ich ihn nach einem halben Dutzend vergeblichen Versuchen endlich mit meinem Stock geangelt hatte. verlor ich beinahe die Contenance und packte ihn so hart es meine Hände erlaubten – merkwürdig, dass die ihre Taubheit bei dem Kampf vergaßen - und fand kein freundliches Wort für Goliath . Das ärgerte mich , denn schließlich hatte er mir schon mehrfach geholfen, die Taubheit zu überwinden, der kleine Goliath.

Denn das ist er. Wer bringt es schon fertig mit 10 cm Körper-Umfang und einem Durchmesser von 8.cm den Kampf mit den Durchblutungsstörungen aufzunehmen, die zu einem Körper von (einstmals jedenfalls) 1.75 lichter Höhe gehören?

Natürlich will ich mein Licht nicht unter den Scheffel stellen: alle Kraft zusammen nehmend habe ich mich gemeinsam mit dem kleinen Goliath den Störfaktoren entgegen gestellt. Aber ob der kleine Goliath nicht doch über geheime Kräfte verfügt, wenn er in Bewegung gesetzt wird, zu bewirken, dass die Taubheit und der Schmerz weichen? Man muss dran glauben, sagt Gretchen im „Faust“ und es müsste ja mit dem Teufel zugehen, wenn man nicht mehr an die eigene Kraft und die Hilfsbereitschaft unserer nächsten Umgebung glaubte. Und ein bisschen an Märchen!

Käthe Seelig 13.2. 2011