Das Ding

Ich bin eine Kette mit einem Puzzleteil daran. Von mir gibt es also noch einen zweiten Teil. Ich war ein Jugendweihegeschenk und bin jetzt schon 1½ Jahre bei meiner Besitzerin. Sie behandelt mich sehr gut. Sie trägt mich so gut wie jeden Tag, nur zum Schlafen legt sie mich ab. Deshalb bin ich viel in der Welt herumgekommen. Ich war zum Beispiel schon in London, und das sogar mit meinem zweiten Teil, aber nur, weil die Besitzerin zum Abitur die Reise geschenkt bekommen hatte und meine Besitzerin, ihre Schwester, unbedingt mitkommen sollte. Nun, London war sehr schön, fand ich. Nur der Flug war ziemlich doof, da ich Höhenangst habe. Da hatte ich nur Glück, dass meine Besitzerin nicht die Größte ist, sonst wäre mir ja andauernd schlecht. Als wir den Flug überstanden hatten, mussten wir noch Ewigkeiten das Hotel suchen, weil sich ja niemand von uns in London auskannte und auf mich mal wieder keiner hören wollte. Dennoch war unser Aufenthalt toll, wir waren jeden Tag von morgens bis abends unterwegs.
In Paris war ich auch erst vor kurzer Zeit. Wir wohnten am Rande der Stadt in einer Jugendherberge. Die Umbebung unserer Herberge war leider nicht so schön, da sich dort viele arme Menschen eine Art „Zeltstadt“ gebaut hatten und dort echt viel Verkehr war. Doch das Innere von Paris war das totale Gegenteil. Überall teure Läden, wunderschöne Altbauten und viele Sehenswürdigkeiten. Doch dann kam mein größter Albtraum. Meine Besitzerin wollte auf den Eiffelturm und das natürlich nicht ohne mich. Also fuhren wir mit dem ersten Fahrstuhl bis zur Mitte des Turms und von dort aus mit einem weiteren Fahrstuhl bis an die Spitze. Dort wäre ich fast gestorben. Ich hatte solche Angst. Gott sei Dank waren wir nicht lange oben, da meine Besitzerin auch Angst hatte. Das war ein Erlebnis. Als wir aus Frankreich wiederkamen, hatten wir noch zwei Wochen Ferien zum Entspannen, obwohl man manches bei meiner Besitzerin nicht entspannen nennen kann. Wir waren ja fast nur unterwegs. Ich finde, mal etwas zu unternehmen, ist ja in Ordnung, aber nicht so oft.
Nach den Ferien ging die Schule wieder los. Meine Besitzerin findet Schule schon langweilig. Was soll ich denn da erst sagen? Ich hänge ja wirklich die ganze Zeit nur rum und muss zuhören. Das einzige Fach, das ich mag, ist Sport. Da müssen nämlich alle ihren Schmuck abmachen und diejenigen, die nicht mitmachen, passen auf uns auf. Da tratschen wir immer viel über unsere Besitzer. Am besten hat es Rudi, der Ring. Rudi wird einmal im Monat professionell von einem Juwelier gesäubert. So ein Luxusleben hat der Rest von uns leider nicht. Dafür erleben wir anderen aber mehr. Seine Besitzerin hat nämlich kaum Freunde und sitzt fast nur zu Hause herum. Neulich habe ich mich verliebt in Karl, die Kette. Er war das Geburtstagsgeschenk von einem Jungen aus der Klasse meiner Besitzerin. Er ist so toll. Er hat noch nicht einen Kratzer und glänzt noch so richtig schön silbern. Er ist ziemlich schüchtern, deswegen weiß ich noch nicht so viel über ihn. Das Einzige, was ich weiß, ist, dass ich viele, kleine Armbänder mit ihm machen möchte.
Zu Hause habe ich eine große ,,Familie“. Ich nenne sie Familie, weil wir zusammenwohnen und uns schon lange kennen. Wir sind so ungefähr 10 Paar Ohrringe, 7 Armbänder, 4 andere Ketten und 12 Ringe. Ich mag alle bis auf Lucie, die lange Kette. Sie denkt, sie wäre etwas Besseres, weil sie die Einzige von uns ist, die goldfarben ist. Sie ist ja nicht mal aus echtem Gold! Trotzdem stehen alle Armbanduhren auf sie.
Die Jahreszeit „Winter“ mögen wir alle nicht. Da wird es immer so kalt und wir werden von Jacken, Schals und Handschuhen verdeckt. Außerdem haben wir Angst, dass wir zu Weihnachten verschenkt werden. Aber eigentlich haben wir alle ein tolles Leben, denn wir wurden noch nicht weggeschmissen, und so alt und zerkratzt sind wir auch noch nicht.
Carolin Richter